Annua nascentis (In praeludio natalis Iesu Christi Domini Nostri)

Leo XIII, An. MDCCCCI

Lateinisch:

Annua nascentis Iesu sollemnia iamiam
Exoriens revehit rite colenda dies.

At non laetitiae praelucet candida ut olim
Nuncia, nec pacis munera grata refert.

Humanae heu! genti turba undique dira malorum
Instat flebiliter, flebiliora parat.

Numinis en oblita, indigne oblita parentum,
Succrescens aetas excutit omne iugum.

Scindit in adversas cives discordia partes,
Ardetque immitis facta cruenta, neces.

Iura verenda iacent; cessere fidesque pudorque;
Omne impune audet caeca cupido nefas: –

Adsis, sancte Puer, saeclo succurre ruenti:
Ne pereat misere, Tu Deus una salus.

Auspice te, terris florescat mitior aetas,
Emersa e tantis integra flagitiis.

Per te felici collustret lumine mentes
Divinae priscus Relligionis honos.

Ardescant per te Fidei certamina; per te
Victrices palmae, fracta inimica cohors;

Disiectae errorum nubes, iraeque minaces
Restinctae, populis reddita amica quies.

Sic optata diu terras pax alma revisat,
Pectora fraterno foedere iungat amor.

Deutsch:

Es naht der Tag, um wie jedes Jahr die Geburt Jesu gebührend zu feiern.

Doch es leuchtet nicht der strahlende Bote wie einst, und er bringt auch nicht das willkommene Geschenk des Friedens.

Weh, dem armen Menschengeschlecht droht jammervoll die grausame Schar der bösen Geister und bereitet Beklagens­werteres vor.

Gott ist vergessen, unwürdig das Ver­gessen der Eltern, das heraufkommende Zeitalter zerstört jede Bindung.

Grausame Zwietracht spaltet die Bürger in feindliche Lager und entfacht, nach­dem sie blutrünstig geworden, Mord­taten.

Ehrwürdige Gesetze werden gebrochen; Glaube und Scham schwinden: blinde Begierde wagt ungestraft jede Untat: –

Komm, heiliger Knabe, hilf dem zugrunde gehenden Jahrhundert, dass es nicht elendiglich untergehe, Du Gott, einziges Heil.

Unter deinem Schutz möge ein milderes Zeitalter auf Erden aufblühen, unver­sehrt auferstanden aus so vielen Freveln.

Durch dich möge mit glückverheißendem Licht die vormalige Ehre der göttlichen Religion die Seelen erleuchten.

Durch dich möge der Eifer im Glauben entbrennen; und ebenso der Sieg der Märtyrer, gebrochen die feindliche Rotte;

Zerstreut sind die Wolken der Irrtümer, vertilgt die Drohungen des Zornes, den Völkern ist zurückgegeben der freundli­che Friede.

So möge der lang ersehnte segenspen­den­de Friede die Länder wiedersehen, in brüderlicher Eintracht verbinde die Liebe die Herzen.

Deutsch von René Strasser

fontes

The Tablet (London, Vol. 99, No. 3,232, Saturday, April 19. 1902, p. 618

The Catholic Telegraph (Cincinnati, volume 71, number 18, 1 may 1902, p. 4

Pope Leo XIII, Poems, Charades, Insriptions. Including the revised compositions of his early life in chronological order. With English Translations and Notes by H.T. Henry, overbrook seminary. The Dolphin Press. American Ecclesiastical Review. New York - Philadelphia 1902, p. 230 - 233

scholia / marginalia

Es ist heute kaum mehr bekannt, dass Papst Leo XIII. nicht nur die Enzyklika "Rerum novarum", nebst 85 weiteren, sondern auch zahlreiche Gedichte geschrieben und in bibliophilen Ausgaben veröffentlicht hat.

Gelegenheitsgedichte (autobiographische, solche an Personen, zu aktuellen Anlässen) stehen neben religiösen (Marienlyrik) und kirchenpolitischen Dichtungen.

Zu den letzteren darf das hier wiedergegebene Gedicht auf Weihnachten 1901 "Annua nascentis Iesu sollemnia" gezählt werden; es nimmt zu Verfallserscheinungen der Zeit Stellung bedenkt die geistige Lage der Kirche und wünscht der Welt eine bessere Zeit. – In seinen Gedichten greift er auf die Sprache der lateinischen Dichter (Horaz, Vergil) und des klassischen Lateins wie auf antike Metren und Strophenformen zurück.

So darf wohl insbesondere die siebte Strophe des Gedichts als Anspielung auf Vergils vierte Ekloge " (Adsis, sancte Puer") verstanden werden.

Mit dem "leuchtenden Boten" (Strophe 2) dürfte der "Stern von Bethlehem" gemeint sein (Stern, stella, lat. weiblich, demzufolge "candida nuncia", die leuchtende Botin).

Das Gedicht von Papst Leo XIII. ist von geradezu bestürzender Aktualität.

Das Gedicht "Annua nascentis Iesu sollemnia" des Papstes ist bald nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1901 auch außerhalb des Vatikans publiziert worden, etwa in "The Tablet" (London, Saturday, April 19. 1902, p. 618, lateinisch) und in "The Catholic Telegraph" (Cincinnati, volume 71, number 18, 1 may 1902, p. 4, lateinisch und englisch).

The Catholic Telegraph schreibt zur Veröffentlichung:

"New poem by the pope.

The following poem was written for the Feast of Christmas last year by His Holiness Pope Leo XIII. It has been issued in a splendid artistic edition by the Vatican printing office as a tribute to the Holy Father during this year of jubilee. The accompanying translation, made by the managing editor of the Telegraph, claims no other merit than a close adherence to the thought and language of the original, which is in the best style of the Holy Father."

Prelude of the nativity.
Year of Our Lord Jesus Christ, MDCCCCI.

The dawn that owns the reverence ot the earth
Recalls the solemn feast of Jesus' birth.
But now no joyous herald shining bright
Repeats the peaceful gifts of Holy Night.

Poor man! To-day oppressed by evils sore;
To-morrow holds a still more direful store.
Forgot is God, all filial laws are broke;
The puffed-up Age will brook not any yoke.

Harsh Discord drives the people into strife
And bloody deeds, and e'en to talking life.
Most sacred rights lie prone; Faith, Shame have died;
Blind Greed unwhipped dares every law deride.

Come, Holy Child! The Age thy succor lend,
Our Only Hope! Lest woefully it end.
Thee kindly, o'er the earth a gentler day
Of sin full-free let hold its peaceful sway;

The ancient glory of the Faith Divine
With grateful light upon man's mind let shine.
And let the fight of Faith wax warm; the crown
Of victory grant; and break the hostile down.

Disperse the clouds of wrong, and wrath restrain,
And to the people bring sweet rest again.
Thus let long-wished-for Peace to earth return,
And human hearts with love fraternal burn.

Im Unterschied zur lateinischen Fassung ist die englische gereimt. Auch ist die Darbietung der Strophen in The Catholic Telegraph graphisch unterschiedlich.

*

Der deutsche Dichter Stefan George hat ein Gedicht auf Leo XIII. geschrieben, in dem er drei Strophen (die siebte, achte und zwölfte) aus dem Gedicht des Papstes zitiert.

Leo XIII

Heut da sich schranzen auf den thronen brüsten
Mit wechslermienen und unedlem klirren:
Dreht unser geist begierig nach verehrung
Und schauernd vor der wahren majestät
Zum ersten väterlichen angesicht
Des dreigekrönten wirklichen Gesalbten
Der hundertjährig von der ewigen Burg
Hinabsieht: schatten schön erfüllten daseins.

Nach seinem sorgenwerk für alle welten
Freut ihn sein rebengarten . freundlich greifen
In volle trauben seine weissen hände .
Sein mahl ist brot und wein und leichte malve
Und seine schlummerlosen nächte füllt
Kein wahn der ehrsucht . denn er sinnt auf hymnen
An die holdselige Frau . der schöpfung wonne .
Und an ihr strahlendes allmächtiges Kind.

›Komm heiliger knabe! hilf der welt die birst
Dass sie nicht elend falle! einziger retter!
In deinem schutze blühe mildere zeit
Die rein aus diesen freveln sich erhebe ..
Es kehre lang erwünschter friede heim
Und brüderliche bande schlinge liebe!‹
So singt der dichter und der seher weiss:
Das neue heil kommt nur aus neuer liebe.

Wenn angetan mit allen würdezeichen
Getragen mit dem baldachin - ein vorbild
Erhabnen prunks und göttlicher verwaltung -
ER eingehüllt von weihrauch und von lichtern
Dem ganzen erdball seinen segen spendet:
So sinken wir als gläubige zu boden
Verschmolzen mit der tausendköpfigen menge
Die schön wird wenn das wunder sie ergreift.

Stefan George (1868 - 1933)

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"Leo und seine Dichtungen stehen und standen quer zum Fortschrittspathos der Moderne, auch zur poetischen Avantgarde, und gerade darin entdeckte George für einen Moment Wahlverwandtschaft­liches, das ihn heimführte in die nur noch ästhetisch zu reproduzierende Einheit von Sinnlichkeit, Würde, Wort und Geist, in den Erinnerungsraum der Kirche seiner Kindheit und Heimat."
Wilhelm Kühlmann, Elegante Frömmigkeit – Papst Leo XIII. (1810-1903) in seiner lateinischen Lyrik, a.a.O. S. 83

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Porträt-Gemälde Leo XIII.
Franz von Lenbach, Papst Leo XIII., (1885), Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Link
Facsimile der Wiedergabe in Tablet
The Tablet. A Weekly Newspaper and Review. Vol. 99, No. 3,232. London, Saturday, April 19, 1902, p. 618
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Literatur
Wilhelm Kühlmann, Elegante Frömmigkeit - Papst Leo XIII. (1810 - 1903) in seiner lateinischen Lyrik. Mit einem Blick auf Stefan Georges "Leo XIII." – In: Nach hundert Jahren – Rückblick auf Papste Leo XIII. (1878 - 1903. Herausgegeben vom Geschichtsverein für das Bistum Aachen e.V. Verlag Ph.C.W. Schmidt, Neustadt a.d. Aisch, 2003, S. 61 -84

metrum

Versmaß: Distichen, bestehend aus einem Hexameter und einem Pentameter (nicht immer regelmäßig).

Hexameter. Der Vers besteht aus sechs Daktylen. In den ersten vier Daktylen kann anstelle der beiden Kürzen eine Länge gesetzt werden. Der letzte Daktylus darf um eine Silbe verkürzt sein (katalektischer Vers). Das antike Versschema lautet demzufolge:

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Pentameter. Gleich wie der Hexameter gebauter Vers, aber hinter der dritten und sechsten Hebung fehlt die Senkung. Zäsur in der Mitte, nach der dritten Hebung.

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