Dum medium silentium

Gualterus de Castellione, Walter von Châtillon(* um 1135 – † um 1190)

Lateinisch:

Dum medium silentium
Tenerent legis apices
Et litterae dominium
Regnaret apud simplices,
Extendit pater brachium,
In quo, si recte iudices,
Regnum et sacerdotium
Reliquit Judae iudices.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

Modo fortassis alio
Mundus mundari potuit
Quam, passo dei filio,
Sed nullus ita congruit;
Nam mortis exterminio
Mederi vita debuit.
Et curari contrario
Contrarium oportuit.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

Si purus homo fieret
Redemptor et non alius,
Redemptus homo crederet
Deo quiddam potentius,
Eique genu flecteret
Et in cunctis obnoxius
Culturae jus impenderet:
Quo nihil est absurdius.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

Ergo nostrae compaginis
Naturam venit sumere
Deus in alvo virginis
Ut artifex in opere,
Ut per naturam hominis
Haberet morti cedere
Et per virtutem numinis
Posset a morte surgere.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

Subtili diligentia,
Mirabili commercio,
Ex duplici substantia
Facta fuit haec unio,
Et quicquid sapientia
Possedit ab initio,
Collatum est ex gratia
Totum Mariae filio.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

Haec est fides catholica,
Quam haeresis non lacerat,
Haec est quam vox prophetica
Rotam in rota dixerat,
Prioris analectica
Dum resolvit et reserat,
Quod sub lege Mosaica
Vetustas occultaverat.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

Qui se peccatis obligat,
Per hanc fidem absolvitur,
Si post lapsum se corrigat,
Nam qui vere conteritur,
Poenam peccati mitigat
Et judex mitis redditur,
Nam, ut idem bis exigat,
Bona fides non patitur.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

A judice se liberant
Et a contractu debiti,
Qui luxum carnis macerant
Et mundo non sunt dediti,
Et sic, qui consenuerant
In peccatis decrepiti,
Dum ita se regenerant
Sunt quasi modo geniti.
De tenebris historiae
Processit sol iustitiae.

Deutsch:

Während tiefes Schweigen
die Hüter des Gesetzes umfing
und das Reich der Schriften bei
den Einfachen herrschte,
streckt der Vater den Arm aus,
wodurch, wenn man es richtig betrachtet,
Königreich und Priestertum
die Richter Judas verlassen hat.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Vielleicht konnte die Welt auf andere
Weise gereinigt werden als durch das
Leid des Gottessohnes, aber kein
anderer konnte es besser. Denn das
Leben selbst musste die Zerstörung,
die der Tod angerichtet hatte, heilen.
Es war notwendig, das Gegenteil
durch das Gegenteil zu heilen.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Wenn ein reiner Mensch zum Retter
wird, und nicht ein anderer,
würde der erlöste Mensch glauben,
dass irgendetwas mächtiger ist als Gott,
und würde er vor ihm das Knie beugen
und würde, ihm in allem unterworfen,
das Recht zur Gottesverehrung überlassen.
Nichts ist absurder als dies.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Er kommt, die Natur unserer
Beschaffenheit anzunehmen,
Gott im Schoß der Jungfrau
wie der Schöpfer in seinem Werk,
damit er durch die Natur des
Menschen dem Tod verfällt
und dass er durch die Macht göttlichen
Willens vom Tode auferstehen könne.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Mit feinsinniger Sorgfalt,
in wundersamer Verbindung,
ist aus zwiefacher Wesenheit
diese Vereinigung vollzogen worden,
und was immer der Weisheit
von Anfang eigen war,
ist aus Gnade im Sohn
Mariens vereinigt worden.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Dies ist der allgemeine Glaube,
den Irrglaube nicht zermalmt,
dies ist es, was die Stimme des Propheten
die 'Spreu in die Winde' genannt hatte,
indem sie auflöst und offenbart,
was eine frühere Stimme gesammelt hat,
was das Altertum unter dem mosaischen
Gesetz verborgen hielt.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Wer sich in Sünden verstrickt,
wird durch diesen Glauben befreit,
wenn er den Fehler verbessert,
denn wer wahrhaft Reue empfindet,
mildert die Strafe für Vergehen,
und der Richter wird Milde walten lassen,
denn, dasselbe zweimal zu tun,
das lässt der wahre Glaube nicht zu.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Die machen sich frei vom Richter
und vom Vertrag der Schuld,
die der Fleischeslust entsagen
und nicht der Welt ergeben sind,
und ebenso diejenigen, die
in Sünden alt geworden;
während sie sich so erneuern,
sind sie gleichsam neu geboren.
Aus dem Dunkel der Geschichte geht
die Sonne der Gerechtigkeit hervor.

Deutsch von René Strasser

fontes

Guido Maria Dreves (Hg.), Analecta Hymnica Medii Aevi. XX. Cantiones et Muteti. Lieder und Motetten des Mittelalters. Erste Folge: Cantiones: Natalitiae, Partheniae. Leipzig: O. R. Reisland, 1895, S. 38.f

Gustav Scherrer (Hg.), Verzeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen. Herausgegeben auf Veranstaltung und mit Unterstützung des Kath. Administrationsrathes des Kantons St. Gallen. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 1875, S. 170

Dum medium Silentium. St. Gallen, Stiftsbibliothek. Cod. Sang. 551 -Lives of the Saints, p. 49 und p. 16.
https://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/0551/49/0/

Mark Everist, Discovering Medieval Song. Latin Poetry and Music in the Conductus. Cambridge, University Press, 2018, besonders S. 271 - 277
http://www.examenapium.it/cs/biblio/Everist2018.pdf

Walter of Châtillon, Carmen III
http://www.thelatinlibrary.com/walter/walter3.shtml

Documenta catholica omnia
http://www.documentacatholicaomnia.eu/04z/z_1150-1250__Walter_of_Chatillon__Carmina__LT.doc.html

scholia / marginalia

Tonaufnahmen:
Le Chant des cathédrales, École de Notre-Dame. Ensemble Gilles Binchois. Cantus Records, 2003

Carmina Helvetica. Conductus und Rondelli des 12. - 14. Jahrhunderts aus Schweizer Klöstern und Bibliotheken. Ensemble Labyrinthus. edition raumklang 2013

*

"In der Vita Sancti Landberti ist von anderer Hand S. 49 ein Glossenlied: 'Dum medium silentium' etc. (...)" eingetragen." (Gustav Scherrer (Hg.), Verzeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen. Herausgegeben auf Veranstaltung und mit Unterstützung des Kath. Administrationsrathes des Kantons St. Gallen. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 1875, S. 170)

Vier Strophen dieses Liedes finden sich in einer Handschrift der Stiftbibliothek, St. Gallen, und zwar in der Vita von St. Landbertus; die erste "Dum medium silentium" ist mit Neumen versehen, ferner drei weitere, abweichend von der üblichen Reihenfolge: "Si purus homo", "Modo fortassis alio", "Hoc est fide katholica". St. Gallen, Stiftsbibliothek. Cod. Sang. 551 -Lives of the Saints, p. 49 und p. 16 https://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/0551/49/0/

Guido Maria Dreves gibt nur sechs Strophen des Gedichts.
Guido Maria Dreves (Hg.), Analect Hymnica Medii Aevi. XX. Cantiones et Muteti. Lieder und Motetten des Mittelalters. Erste Folge: Cantiones: Natalitiae, Partheniae. Leipzig: O. R. Reisland, 1895, S. 38.f

Der Text des Gedichtes von Walter von Châtillon ist ein größeres Carmen eingefügt.
"'Dum medium silentium tenerent' is found embedded in a sermon preached by Gautier probably in Bologna in 1184 …" (Mark Everist, Discovering Medieval Song. Latin Poetry and Music in the Conductus. Cambridge, University Press, 2018, S. 272 und Anm. 93)

Der erste Vers des Gedichtes nimmt den Wortlaut des Introitus vom Sonntag in der Oktav von Weihnachten auf: "Dum medium silentium tenerent omnia et nox in suo cursu medium iter haberet, omnipotens Sermo tuus, Domine, de caelis a regalibus sedes venit." – ohne allerdings deutlich auf diesen Bezug zu nehmen oder auf den Inhalt desselben näher einzugehen.

Auch wenn der Eingangsvers des Gedichts den Beginn des Introitus vom Sonntag in der Oktav von Weihnachten zitiert, geht es in ihm weniger um das Weihnachtswunder der Geburt an sich als ebenso sehr um das neue Gesetz und um Sündenvergebung und Erlösung beziehungsweise um den Übergang vom Gesetz zur Gnade.

"Although its incipit is clearly taken from the introit for the first Sunday after Christmas, the poem concerns itself more with the New Law and Redemption than with the birth of Christ." (Mark Everist, a.a.O. S. 272)

Ähnlich stellt schon Adam von St. Viktor in seiner Pfingstsequenz (Simplex in essentia) dem Gesetz vom Sinaï die milde Verkündigung der Apostel gegenüber.

Sic in Sina
Lex divina
Reis est imposita,
Lex timoris,
Non amoris
Puniens illicita.
...
Nos distractos sub peccatis
Liberet lex caritatis
Et perfectae libertatis
Dignos reddat munere.

Furchtbar trafen
Gottes Strafen
Unter Sinais Gericht;
Schrecken drohten
Aus Verboten,
Wirkten Angst, doch Liebe nicht.
...
Mög auch uns, verkauft in Sünden,
Liebe ihr Gesetz verkünden,
Daß erlöst wir wiederfinden
Wahrer Freiheit Gnadenglück.

Strophe 1- 8, Refrain:
Die Wendung "Sol iustitiae" im Refrain geht wohl zurück auf Malachias 4,2: "Et orietur vobis timentibus nomen meum Sol iustitiae, et sanitas in pennis eius …"

Eine Wendung, die auch in anderen mittellateinischen Texten immer wieder vorkommt. Siehe etwa Hymnarium: "Iam Christe, sol iustitiae" (anonym), "Laetabundi iubilemus" (dritte Strophe, Adam von St. Viktor) sowie die Antiphon "O oriens, splendor lucis aeternae, et sol iustitiae".

Strophe 6, rotam in rota:
"Rota" hier wohl nicht in der Bedeutung von Rad, sondern:

"Rota ... Ps.82(83),14 designare videtur plantas, quae a caulibus solutae vento aguntur et veluti globuli rotantes apparent. Similis imago adhibetur Is. 17,13 (Vulg. turbo)
(Lexicon Biblicum. Editore Martino Hagen. Volumen tertium M-Z. Parisiis, Sumptibus P. Lethielleux, 1911, p. 783)

"wirbelnder Staub oder das 'Rad' der kugelförmig gerollten dürren Stengel der wilden Artischocke, die Rädern gleich vom Winde dahin getrieben werden (Ps. 82, 14)."
(Albert Sleumer, Kirchenlateinisches Wörterbuch. Hildesheim 2006, S. 681)

"Rota ... videtur designare plantam, quae, a caule suo soluta, a vento agitur instar rotae. (CF. Is 17,13" Biblia Sacra iuxta Vulgatam Clementinam. Nova Editio. Bibliotheca de Autores Cristianos. Matriti MCMLXXXV, S. 1230

Deus meus, pone illos ut rotam, et sicut stipulam ante faciem venti."
"Mein Gott! Gleich mache sie dem Wirbellaub, den Stoppeln vor dem Winde." (Ps. 82 bzw. 83, 14)

"et fugiet procul; et rapietur sicut pulvis montium a facie venti, et sicut turbo coram tempestate."

"… so fliehen sie in die Weite und werden dahingejagt wie Spreu auf den Bergen vor dem Sturm und wie wirbelnder Staub vor der Windsbraut." Isaias 17, 13

"Et rotas istas vocavit volubiles, audiente me.
"Die Räder wurden, wie ich mit eigenen Ohren hörte, Wirbel genannt." Ezechiel 10,13

Auf die Wendung "rota in rotam" wird auch im "Commentarium in Ezechielem Prophetam. Libri Quatuordecim. Liber Primum" des Eusebius Hieronymus sowie in anderen Commentaria desselben Autors Bezug genommen.

Auch Hugo von St. Viktor hat sich in seinen Schriften mit der Wendung "rota in rotam" bzw. "rota intra rotam" beschäftigt.

"Mira res. Rota intra rotam currebat, et non impediatur currus celeritas, id est Novam Testamentum in Veteri Testamento intra illud currebat, per quod annuntiabatur."
Hugo von St. Viktor, De claustro animae I, 6: De curru elationis. - Zit. nach: Friedrich Ohly, Probleme der mittelalterlichen Bedeutungsforschung und das Taubenbild des Hugo de Folieto (1968) in: Friedrich Ohly, Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1977, S. 84

Links: Codex San Gallensis 551, p. 16, Digitalisat — Rechts: Codex San Gallensis 551, p. 49, Digitalisat
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Weiterführende Literatur

Walter von Chatillon – Max Manitius, Geschichte der Lateinischen Literatur des Mittelalters. Dritter Teil (Band). Unter Paul Lehmanns Mitwirkung. Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts. München, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, 1931, S. 920 - 936

Leonard Ellinwood, The Conductus. In: The Musical Quarterly, 1941 (Vol. 27, no 2), pp. 165 - 204

Manfred F. Bukofzer, Rhythm and Meter in the Notre-Dame-Conductus. In: Bulletin of the American Musicological Society 1948, No 11/12/13, pp. 63 - 65

Jacques Handschin, Zur Frage der Conductus-Rhythmik. In: Acta Musicologica 1952 (Vol. 24, Fasc. 3/4), pp. 113 - 130

Hans Tischler, Vermaß und musikalische Rhythmus in Notre-Dame-Conductus. In: Archiv für Musikwissenschaft, 1980 (37, H. 4, S. 202 - 304

Friedrich Ohly, Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1977

Karl Strecker, Walter von Chatillon und seine Schule I und II. Zeitschrift für deutsches Altertum, LXIV. N.F., LII., S.97 - 125 und 161 - 189; PDF: http://www.examenapium.it/cs/biblio/Strecker1927.pdf

Walter von Châtillon. Moralisch-satirische Gedichte aus deutschen, englischen, französischen und italienischen Handschriften. Hrsg. von Karl Strecker. Winter, Heidelberg 1929

Moralisch-Satirische Gedichte Walters von Chatillon aus deutschen, englischen französischen und italienischen Handschriften. Die Gedichte Walters von Chatillon (2), Heidelberg, Carl Winter 1929

Es ist nicht abwegig, die Musik der Romanik und Gotik mit der Kirchenarchitektur dieser Epochen zu vergleichen. Die Schlichtheit der einstimmigen gregorianischen Gesänge entspricht der Baukunst der Romanik mit ihren übersichtlichen Grundrissen und den harmonischen Proportionen.

Die Gestaltung der Fassaden- und Wandgliederung der gotischen Kathedralen, die die festen Konturen auflöst, das filigrane Maßwerk der Fenster, der Zauber der farbigen Glasfenster, die mit ihrer Leuchtkraft den Kirchenraum in ein mystisches Licht tauchen, sind ein Äquivalent zur virtuosen, gotischen Polyphonie

metrum

Versmaß: Achtsilbler
Reimschema: ababababcc

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