Hymnus in honorem S. Theophili ab Adana Ciliciae

Ioannes Georgius Bertram

Lateinisch:

Donec tu vicedomnus eras, o Sancte Theophle,
plebis amor fueras nummos dispergere promptus.

Vix decesserat Antistes, cum res rediguntur.
In locum Episcopi iter gressi succedere spernis.
Abrogat Antistes novus esse sacrum tibi munus.

Indignatus, Sancte, doles; solatur Hebraeus,
nomine qui Salatinus te cum principe Averni
iungere scit pactumque iubet subscribere fixum.
Sic stabilitur honor tuus exsultante gehenna.

Cum te paeniteat sceleris, statuam Marialem
pectore devotoque et suppliciter veneraris.
Et dictu mirabile: Scit Sanctissima Virgo
reddere scripta suo famulo, qui munera scissa
tradit Pontifici qui indulget facta fatenti.

Sic in Pace Dei servus moritur Marianus.

Gloria sit Patri, sit Nato Spirituique
Uni individuae Triadi per saecula cuncta! Amen

Deutsch:

Solange du, heiliger Theophilus, Verwalter warst, warst du beim Volk beliebt und bereit, Almosen zu verteilen.

Kaum war der Bischof verstorben, änderte sich die Lage. Du schlägst es aus, das Amt des verstorbenen Bischofs zu übernehmen. Da entzieht der neue Bischof dir das Amt des Verwalters.

Entrüstet leidest du, Heiliger; es tröstet dich der Jude Salatinus, er weiß, dich mit dem Fürsten der Unterwelt zu verbinden, heißt dich, einen festen Vertrag unterschreiben. So wird deine Ehre wieder hergestellt, und die Hölle jubelt.

Als dich das Verbrechen reut, verehrst du mit demütigem Herzen flehentlich eine Marienstatue. Und o Wunder: Die heiligste Jungfrau gibt den Vertrag ihrem Diener zurück, der ihn, zerrissen, dem Bischof übergibt, der ihm, der die Tat gesteht, verzeiht.

So stirbt der Diener Mariens im Frieden Gottes.

Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist, der einen und unteilbaren Dreiheit. Amen

Zu diesem Hymnus gibt es neben dieser Scholie noch einen Bilderteil Theophilus in der bildenden Kunst mit Aufnahmen mittelalterlicher Skulturen und Glasfenster zu Leben und Legende des Heiligen.

 

fontes

Eutychianus /Paulus Diaconus Neapolitanus.
Miraculum S. Mariae de Theophilo Poenitente, auctore Eutychiano, interprete Paulo Diacono Neapoleos.
Acta Sanctorum. Februarii Tomus Primus, die 4. Parisiis apud Victor Palmé, 1863, p. 489-493

Eutychianus Adanesis / Paulus Diaconus Neapolitanus
Miraculum S. Marie De Theophilo penitente. Auctore Eutychiano, interprete Paulo Diacono Neapoleos. In: Robert Petsch, Theophilus. Mittelniederdeutsches Drama in drei Fassungen. Herausgegeben von Robert Petsch. Heidelberg, Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, 1908 (Reprint Wentworth Press)

Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine. Aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz. Gerlingen, Lambert Schneider im Bleicher Verlag, 1997, S. 686f. (Von der Geburt der seligen Jungfrau Maria)

Der Heiligen Leben und Leiden anders genannt das Passional. Erster Band: Winterteil. Herausgegeben von Severin Rüttgers. Leipzig: Insel-Verlag, 1913, S. 120f. (Von der Mutter Gotts, als sie in dem Tempel geopfert ward)

Hrotsvit (Roswitha) von Gandersheim, Lapsus et conversio Theophili Vicedomini https://la.wikisource.org/wiki/Lapsus_et_conversio_Theophili_Vicedomini_(Hrothsuita_Gandersheimensis) Hrotsvit von Gandersheim, Theophilus. Sündenfall und Bekehrung des Vicedominus Theophilus. In: Hrotsvit von Gandersheim, Sämtliche Dichtungen. München, Winkler-Verlag, 1966, S. 99 - 111

Marbodus Redonensis
Miraculum S. Mariae de Theophilo Poenitente (Historia metrica). Auct. (ut creditur) Marbodo Ep. Redonensi. Acta Sanctorum. Februarii Tomus Primus, die 4. Parisiis apud Victor Palmé, 1863, p. 1593-1597

Rutebeuf, Le Miracle de Théophile. Texte original établi et traduit, introduction, notes, bibliographie et chronologie par Jean Dufournet. Paris, Flammarion, 1987

Gautier de Coincy, Le Miracle de Théophile ou comment Théophile vint à la pénitence. Texte, traduction, introduction et notes par Annette Garnier. Paris, Honoré Champion Éditeur, 1998

Henri Focillon, Le peintre des Miracles Notre Dame. Casimiro livres, 2023 (Première edition chez Paul Hartmann Éditeur, Paris, 1950

Karl August Hahn (Hg.), Das Alte Passional. Frankfurt a.M., Druck und Verlag von Heinrich Ludwig Broenner, 1845

Hans Georg Richert (Hg.), Marienlegenden aus dem Alten Passional. Altdeutsche Textbibliothek Nr. 64. Tübingen, Max Niemeyer Verlag, 1965

scholia / marginalia

Festtag des Heiligen ist der 4. Februar.

Diese Hymne wird hier aus Anlaß der Papstreise nach Iznik/Nikäa zum ersten Mal veröffentlicht - zum Andenken an die große christliche Vergangenheit Kleinasiens, die von den muslimischen Eroberern ausgelöscht wurde.

Die Legende von Theophilus wurde von Eutychianus Adanesis in griechischer Sprache niedergeschrieben und von Paulus Diaconus Neapolitanus in die lateinische übersetzt. Eutychianus war ein byzantinischer Hagiograph des 6. Jahrhunderts.

Später entstand die in leoninischen Hexametern verfasste Dichtung "Lapsus et conversio Theophili Vicedomini" der Hrotsvit (Roswitha) von Gandersheim (* um 935; † nach 973).

Eine weitere Versfassung (Historia Theophili Metrica) wird Marbod von Rennes (1035 - 1123) zugeschrieben (ebenfalls in leoninischen Hexametern verfasst).

Die Legende von Theophilus ist in der vom Dominikaner Jacobus de Voragine (1228/29–1298) wahrscheinlich in den Jahren um 1264 auf Lateinisch verfassten Sammlung "Legenda aurea" enthalten.

"Da man zählet nach Christi Geburt fünfhundert und siebenunddreißig Jahr, da war ein Mann in Sicilia, der hieß Theophilus. Der war eines Bischofs Vitztum. Der richtet dem Bischof der Kirchen Gut und alle Sachen weislich aus. Und da der Bischof starb, da sprach alles Volk: 'Er ist würdig, daß man ihn zum Bischof mache.' Da genüget ihm an seinem Amt, und ließ einen andern Bischof werden. Und darnach, da satzt man ihn von seinem Amt. Da ward er gar sehr betrübet, und er ergab sich dem Bösen Geist und verlaugnet Gottes und Mariä und Christlichen Glaubens. Und schrieb das an einen Brief, und versiegelt da die Handschrift fest, und gab es dem Bösen Geist, und gelobet ihm seinen Dienst, darum, daß er ihm hülf, daß er wieder an sein Amt käm. Darnach an dem andern Tag, da schaffet der Böse Geist, daß ihn der Bischof wieder an sein Amt nahm. Da ging Theophilus in sich selber, und ward sehr betrübet, darum daß er sich dem Bösen Feind ergeben hätt. Und nahm Zuflucht zu Marien, und bat sie oft mit großem Ernst, daß sie im zu Hülf käme. Da erschien sie ihm einesmals in einem Gesicht, und strafet ihn gar sehr um seine Sünd. Und sprach zu ihm: 'Du söllst dem Bösen Feind wider sagen, und söllst dich wieder zu meinem Sohn kehren, und söllst Christen Glauben an dich nehmen.' Das tät er. Also bracht ihn Maria wieder zu ihres Sohnes Gnaden, und erschien ihm aber, und gab ihm seine Handschrift wider, die der Böse Feind hätt gehabt. Und leget ihm die auf sein Herz im Schlaf zu einem Zeichen, daß ihm seine Sünd wären vergeben. Und da er erwachet, ward er gar froh, daß er des Bösen Feindes Knecht nimmer war. Und nahm den Brief, und zeiget ihn dem Bischof und allem Volk, und saget ihnen, was ihm geschehen war. Darum lobten sie Gott und Marien. Und über drei Tag da starb Theophilus säliglich."
Der Heiligen Leben und Leiden anders genannt das Passional. Erster Band: Winterteil. Herausgegeben von Severin Rüttgers. Leipzig: Insel-Verlag, 1913, S. 120f. (Von der Mutter Gotts, als sie in dem Tempel geopfert ward)

Die Theophilus-Legende war im Mittelalter und besonders im 13. Jahrhundert sehr beliebt. Sie wurde in den Glasfenstern der großen Kathedralen und in Stundenbüchern häufig dargestellt.

Und in der Folge entstanden auch zahlreiche dramatische Dichtungen über Theophilus. Die bekannteste war "Le Miracle de Théophile" von Rutebeuf, (um 1230 - um 1285).

Der Name des Theophilus scheint, wie Émile Mâle, ohne eine Quelle zu nennen, ausführt, sogar in die Liturgie Eingang gefunden zu haben.
"Im XI. Jahrhundert erlangte das Theophiloswunder die feierliche Weihe der Liturgie. Man sang im Mariendienst:

Tu mater misericordiae
De lacu faecis et miseriae
Theophilum reformans gratiae.

(Émile Mâle, Die kirchliche Kunst des XIII. Jahrhunderts in Frankreich. Studie über die Ikonographie des Mittelalters und ihre Quellen. Deutsch von L. Zuckermandel. Strassburg, J.H.Ed. Heitz, 1907, S. 299)

Es handelt sich um ein Zitat aus der folgenden Sequenz, und nicht nur dies, sie ist gleichzeitig eine der weitest verbreiteten Sequenzen überhaupt.

"Vom 14. Jahrh. an ist nämlich diese Sequenz Universalgut des ganzen Abendlandes ... Die Verbreitung dieser Sequenz ist seit ihrem ersten Auftreten um die Wende des 11. zum 12. Jahrhundert auffallend groß und in allen Ländern mehr oder minder gleichzeitig ..."

Ave, Maria, gratia plena,
Dominus tecum, virgo serena.

Benedicta tu in mulieribus,
Quae peperisti pacem hominibus
Et angelis gloriam;

Et benedictus fructus ventris tui,
Qui, coheredes ut essemus sui
Nos, fecit per gratiam.

Per hoc autem Ave,
Mundo tam suave,
Contra carnis iura
Genuisti prolem,
Novum stella solem
Nova genitura.

Tu parvi et magni,
Leonis et agni
Salvatoris Christi
Templum extitisti,
Sed virgo intacta.

Tu floris et roris,
Panis et pastoris,
Virginum regina,
Rosa sine spina,
Genetrix es facta.

Tu civitas regis iustitiae,
Tu mater es misericordiae,
De lacu faecis et miseriae
Theophilum reformans gratiae.

Te collaudat caelestis curia,
Tu mater es regis et filia;
Per te reis donatur venia,
Per te iustis confertur gratia.

Ergo, maris stella,
Verbi Dei cella
Et solis aurora,
Paradisi porta,
Per quam lux est orta,
Natum tuum ora,

Ut nos solvat a peccatis
Et in regno claritatis,
Quo lux lucet sedula,
Collocet per saecula.

(Analecta hymnica medii aevi. Herausgegeben von Clemens Blume, Vol. LIV. Leipzig, O.R. Reisland, 1915, 216, S. 337 - 339)

Zu diesem Hymnus gibt es neben der unten angelinkten Scholie noch einen Bilderteil Theophilus in der bildenden Kunst mit Aufnahmen mittelalterlicher Glasfenstern zu Leben und Legende des Theophilus.

*

Weiterführende Literatur:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Miracles_de_Nostre_Dame

https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b6000451c/f19.item# (illustré par Jean Pucelle)

https://fr.wikipedia.org/wiki/Livre_d%27heures_de_Maastricht

https://manuscripts.kb.nl/show/images_text/71+A+24/page/2 Koninklijke Bibliotheek National Library of Netherlands, Den Haag. (Jean de Senlis, texte - Maître Fauvel, enluminures)

https://initiale.irht.cnrs.fr/codex/1000 Besançon BM 0551: Miracles de Nostre Dame

Côté, Mélanie, La légende de Théophile dans l'Occident médiéval (IXe-XVIe siècle. Analyse textuelle et iconographique. Québec,Université Laval, 2014 https://www.collectionscanada.gc.ca/obj/thesescanada/vol2/QQLA/TC-QQLA-30795.pdf

Michael W. Cothren, The Iconography of Theophilus in the First Half of Thirteenth Century. In: Speculum, Volume 59, Number 2, Apr. 1984, S. 308 - 341 https://works.swarthmore.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1016&context=fac-art

Michael W. Cothren, Picturing the Celestial City: The Medieval Stained Glass of Beauvais Cathedral. Princeton University Press 2006

Heinrich Hoffmann von Fallersleben (Hrsg.), Theophilus, niederdeutsches Schauspiel aus einer Trierer Handschrift des XV. Jahrhunderts. Mit einer Einleitung, Anmerkungen und Wörterbuch. Hannover, Rümpler, 1853

Ludwig Gschwind, Pfarrer Johann Georg Schwarz und die Bilder der Pfarrkirche St. Vitus Balzhausen. Lindenberg, Kunstverlag Josef Fink, 2009

Max Gümbel-Seiling, Theophilus. Der Faust des Mittelalters. Die Legende und das Schauspiel. Übertragen nach der Trierer und Helmstädter Handschrift. Leipzig, Verlag von Breitkopf und Härtel, 1918

Krindle, C. Ruth (2015). The Theophilus Relief at Souillac and the Eleventh-Century Reforms of the Church. RACAR : Revue d'art canadienne / Canadian Art Review, 40(1), 27–40. https://doi.org/10.7202/1032749ar

Émile Mâle, Die kirchliche Kunst des XIII. Jahrhunderts in Frankreich. Studie über die Ikonographie des Mittelalters und ihre Quellen. Deutsch von L. Zuckermandel. Strassburg, J.H.Ed. Heitz, 1907 (bes. S. 297 - 299)

Robert Petsch, Theophilus. Mittelniederdeutsches Drama in drei Fassungen. Herausgegeben von Robert Petsch. Heidelberg, Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, 1908 (Reprint Wentworth Press)

Jerry Root, The Theophilus Legend in Medieval Text and Image. Cambridge, D. S. Brewer, 2017

Meyer Schapiro, Die Skulpturen von Souillac. In: Meyer Schapiro, Romanische Kunst. Ausgewählte Schriften. Köln, DuMont Buchverlag, 1987, S. 188 -232

André Schnyder (Hrsg.), Maria die Himmels-Thür. Ein anonymes Theophilus Drama 1655 bei den Straubinger Jesuiten aufgeführt. Übersetzt und kommentiert in Zusammenarbeit mit Andreas Ammann. Stuttgart-Bad Cannstatt, Frommann-Holzboog Verlag, 2019

J. Verdam, Theophilus. Middelnederlandsch Gedicht der XIVde Eeuw. Op nieuw uitgegeven. Amsterdam

metrum

Versmaß: Hexameter

Mit der Wahl dieses Versmaßes steht der Verfasser der Hymne in der Tradition von Hrotsvit von Gandersheim (* um 935; † nach 973) und von Marbod von Rennes (1035 - 1123), die ihre Theophilus-Viten in leoninischen Hexametern verfassten.

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